Ich wusste gar nicht so recht, wo ich denn anfangen soll – alles sah einfach nur fabelhaft aus. Jegliche Früchte perfekt in Ihrem Äußeren, ohne auch nur den geringsten Makel – Sämtliches Gemüse knallig in der Farbe, wohlgeformt und deutlich intensiver duftend als ich es je vernommen habe – und sämtliche Speisen, die soeben von Zauberhand erschaffen wurden, gleichen einem meisterhaften Kunstwerk, dass es schon fast zu schade wäre, einen Teil zu entnehmen und das Bild der Vollkommenheit zu verformen.
„Nur zu“, sagte Herr Violett, „keine Scheu, mein Sohn.“
Sogleich bediente ich mich am kunterbunten Kuchen, entnahm ein bescheidenes Stück und stellte sogleich fest, dass sich die entstandene Lücke augenblicklich füllte, als wäre nie etwas entnommen wurden.
„HA“, strömte es aus mir raus, gefolgt von einem kindlichen Lachen. Ich wollte schon beinahe „magisch“ rufen, da korrigierte ich meine Gedanken und sagte voller Euphorie: „Aber natürlich! Natürlich!“
Herr Violett lächelte. „Es ist alles unendlich vorhanden, Anandriel. Fülle ist völlig natürlich, und so lag es in meinem Ermessen, dir diese Lehre anhand eines wahrlich süßen Beispiels nahe zu legen. Wer in Gottes Kraft wirkt, der erkennt schnell, dass es keine Grenzen gibt. Die des Menschen auferlegten Grenzen sind lediglich selbsterschaffende Ketten, die sich spielend leicht mit genügend Disziplin und Willenskraft sprengen lassen.“
„JA, JA“, rief ich zur Herr Violett, „Ich kann die Wahrhaftigkeit in deinen Worten spüren! Es fühlt sich an, als hätte ich einen Teil von mir wiedergefunden!“
Wir saßen dort am edlen Holztisch und genossen im Glanze von Gottes Speisen, die herrliche Atmosphäre. Plötzlich sagte Herr Violett:
„Anandriel, es ist nun an der Zeit für deine erste Aufgabe! Bist du bereit?“
„Natürlich“, rief ich selbstsicher.
„Dann soll es so sein – Bitte wähle in Gedanken einen Gegenstand deiner Wahl.“
Ich überlegte kurz und entschied mich schließlich für eine violette Lotusblume. Sogleich vernahm ich ein leichtes Lächeln auf Herr Violetts Lippen.
„Eine weise Wahl, Anandriel.“
Es wunderte mich kaum, dass er meinen Gedanken vernahm. Ich wurde heute Zeuge solch faszinierender Tätigkeiten, die wir in unserer Gesellschaft als übernatürlich, magisch oder gar unmöglich abstempeln würden, dass sein Einblick in meine Gedanken mir lediglich ein weiteres Lächeln bescherte. Doch ehrlich gesagt wunderte mich meine Wahl der Lotusblume. Ihr Abbild erschien plötzlich in meinem geistigen Auge, warum auch immer…
Herr Violett gab mir weitere Anweisungen:
„Deine Aufgabe ist die Manifestation der violetten Lotusblume. Bringe sie aus deinen Gedanken in die physische Form. Stell dir jedes noch so kleine Detail vor und lasse dich zu keiner Zeit von irgendwelchen Gedanken oder äußeren Einflüssen ablenken. Richte deinen Fokus völlig auf die Lotusblume. Fühle, wie sie in deinen Händen erscheint und wisse, du hast die Fähigkeit, dies zu tun!“
Sogleich versank ich in meinem Geist. Im ersten Moment schoss eine ganze Welle verschiedenster Gedanken durch mein Bewusstsein. Genau das Gegenteil jener Anweisungen, die ich zu befolgen hatte, geschah – doch ich gab nicht auf! Entschlossen und mit enormer Willenskraft bändigte ich meinen Geist und gestattete nichts, außer den Gedanken an die Lotusblume in mein Bewusstsein zu fließen. Es war ein Kampf – ein Kampf um meinen Geist. Immer wieder versuchten irgendwelche Einflüsse in meinen Kopf einzudringen, doch ich blockte sie ab und versank immer tiefer in mein Wesen, bis ich plötzlich nur noch Stille vernahm… Nichts als Stille… Nun konnte die Visualisation beginnen.
Jedes noch so kleinste Detail stellte ich mir vor. Ihre Blüten, die Länge der Blüten, den Farbton und ja selbst den unverkennbaren Geruch – alles formte ich präzise in meinem Geist. Nun öffnete ich meine Hände und projizierte das Bild der Lotusblume in meine Handflächen, wissend sie muss erscheinen, ohne auch nur den geringsten Zweifel zu hegen!
Augenblicklich spürte ich ihre zarten Blüten auf meiner Haut. So öffnete ich meine Augen und sah sie vor mir, entfaltet in meinen Handflächen, mit allen Details, in all ihrer Pracht, himmlisch duftend wie aus dem Paradies. Wahrlich ein Abbild der Vollkommenheit.
(Fortsetzung folgt…)
