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Zu Tisch bei Herrn Violett

Jetzt wird es aber höchste Zeit! In nicht mal einer Stunde beginnt bereits das Abendmahl bei Herrn Violett – doch wo genau es stattfindet, blieb bisher geheim. Mir wurde lediglich die Anweisung gegeben, mich in den naheliegenden Wald zu begeben. Kaum die Tür raus, schon erklingt seine Stimme in meinem Bewusstsein: „Sei wachsam Anandriel! Richte deine Aufmerksamkeit stets zur mächtigen ICH BIN Präsenz und der Weg wird dir offenbart!“. Ohne weiter nachzufragen, leistete ich seinem Rat Folge.

Ein wundervoller Tag. Der Himmel tiefblau und teilweise gefüllt mit solch mächtigen Wolken, dass man vermuten könnte, es befinden sich riesige Himmelsstädte in Ihnen. Prächtig wie zu jeder Zeit, strahlt unsere geliebte Sonne zwischen ihren Strukturen hindurch und erfüllt die Umgebung in einem glänzend goldenen Licht. Ein liebliches Lächeln breitete sich auf meinen Lippen aus – man konnte gar nicht anders, bei dieser herrlichen Atmosphäre. So stolzierte ich freudig durch die entzückenden Straßen und begab mich weiter zum Wald.

Es dauerte gar nicht lange – nach wenigen Minuten erreichte ich bereits den Eingang. Bevor ich einen Fuß hineinsetzte, sauste ein kühler Wind auf mich zu als würde mich der Wald willkommen heißen – ein gutes Zeichen! Wieder besann ich mich Herrn Violetts Worten und widmete mich nun der mächtigen ICH BIN Präsenz. So schloss ich meine Augen und begann mit der Versenkung…

Stille breitete sich aus… Die Vögel hielten inne, der aufbrausende Wind stoppte augenblicklich und selbst die kleinen Kriecher auf dem Boden schienen halt zu machen. Eine sonderbare, ich möchte fast schon sagen „zauberhafte Atmosphäre“ breitete sich im Wald aus. Sie erfüllte gänzlich mein Wesen und veränderte meinen Gemütszustand. Ich fühlte mich scharfsinnig… scharfsinnig wie ein Panther im Dschungel!

Aus der Ferne hörte ich ein Summen… Es kam näher und näher, bis es plötzlich direkt an meinem Ohr vorbeisauste. Ich öffnete meine Augen und sah eine Biene. Doch sie hatte ein sonderbares äußeres Erscheinungsbild: Nicht gelb-schwarz, sondern gold-schwarz. Ganz klar glänzend Gold, wie die Abendsonne am Himmel! Und selbst die schwarzen Streifen waren mit leichten glänzenden Fasern versehen. Ich wusste, was nun zu tun ist: „Folge der Biene“, sagte ich selbstsicher in Gedanken und sprang sogleich nach vorn. Sie war zügig unterwegs, flog in höchster Geschwindigkeit durch den Wald und machte nicht mal für eine Sekunde Halt. Meine Augen verfolgten sie wie ein Panther seine Beute – doch nicht aus zerstörerischen Intentionen, nein – rein im Rausch der Sinne, wissend sie führe mich zu meinem Ziel!

Vorbei an Büschen und Bäumen, weiter über Stock und Stein, rasten wir förmlich durch den weiten Wald. Wie aus dem nichts, machte die Biene eine scharfe Wende und düste geradewegs auf eine große Eiche zu. „Was nun?!“, fragte ich mich, während mein Körper schon fast alleine weiter zu rennen schien, ebenso zielgerichtet auf die große Eiche! „Vertraue der mächtigen ICH BIN Präsenz“, hörte ich plötzlich Herr Violetts stimme in meinem Kopf beben. Ohne zu zögern, leistete ich wieder seinem Rat folge und fokussierte mich wie nie zuvor auf mein Gott-Selbst! Im Bruchteil einer Sekunde, kurz bevor ich mit der Eiche kollidierte, wurde ich von einer unsichtbaren Kraft zur Biene gezogen. Mit jedem weiteren Zentimeter verkleinerte sich mein Körper, bis ich schließlich genau auf ihren Rücken passte. Es strömte aus mir raus: „DAS IST JA…“, doch bevor ich meinen Satz beenden konnte, machte die Biene ein steiles Manöver in Richtung Wurzelwerk. „AAAAAAAAAAH“, schrie ich völlig überwältigt und zugleich in höchster Ekstase. Es ging alles so schnell – der goldene Brummer düste durch den Rumpf der großen Eiche, in einem Tempo, man muss es erlebt haben, um das nachvollziehen zu können. Seit mein Körper auf ihre Größe geschrumpft ist, hat sich dementsprechend auch das Gefühl für die Geschwindigkeit verändert – es war um ein Vielfaches verstärkt!! Ich möchte schon fast sagen, als würde man in einem Jet mit offenem Verdeck durch die Lüfte fliegen – mit dem kleinen Unterschied, dass kein Jet der Welt solch kunstvolle und sofortige Manöver wie die Biene ausüben kann. Außerdem glaube ich, dass kein Sitz der Welt solch einen Komfort bieten kann, wie das wuschelige Fell dieser Biene.

Plötzlich sah ich einen hellen Fleck aus der Ferne. „Was ist das?“, fragte ich mich – doch bevor ich weiter drüber nachdenken konnte, gewann die Biene wieder an Tempo und flog geradewegs darauf zu. Schnell ließ sich eine Art offenes Tor erkennen. Wir sausten hindurch, machten eine Vollbremsung und landeten auf einem edlen holzigen Boden. Der Anblick des Raumes versetzte mich ins tiefe Staunen. Wir befanden uns in einem prächtigen Bau. Die Architektur war mir völlig neu – es wirkte wie eine Art Palast, doch deutlich erhabener als jegliche Bauten der Erde – und völlig aus Holz gefertigt! Feine Verzierungen zogen sich über Decke, Wand und Boden – so aufwändig geformt, dass es Jahrzehnte dauern müsste, dies mit gewöhnlichen Werkzeugen fertig zu stellen. Zudem schien alles von einem Lack überzogen zu sein, durch den man etwas im Inneren fließen sah.

„Baumharz“, hallte es plötzlich durch den Raum. Ich blickte dem Klang der Stimme nach und sah Herr Violett in der Ferne stehen! Ich hatte ihn gar nicht bemerkt, bei all den wundervollen Gegebenheiten. „Es sei dir nicht verübelt mein Sohn“, fügte er hinzu. „Diese kleine Reise bot deinem Verstand so viele neue Möglichkeiten, dass es nicht verwunderlich ist, leicht verwirrt und zugleich voller Faszination in diese Räumlichkeiten einzutreten, ohne gleich alles und jeden hier wahrzunehmen.“
Das Grinsen auf meinem Gesicht wurde immer größer. Freudig lief ich zu Herr Violett und umarmte ihn so innig, wie ein Kind seinen Vater. „Das ist alles so fantastisch“, sprudelte es aus mir heraus.
„Deine Freude und Dankbarkeit ist deutlich in meinem Wesen zu spüren, Anandriel. Ich bin ebenso zutiefst erfreut, dass du entschlossen zu der mächtigen ICH BIN Präsenz geblickt hast und so zu meinem kleinen bescheidenen Heim geführt wurdest. Komm nun, der Tisch ist bereits gedeckt.“

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